10 absolute No-Gos bei Interviews

Gute Interviews zu führen ist eine Kunst, die sich erlernen lässt. Ein paar Stolpersteine, denen Sie elegant ausweichen können.

 

1. Kontraproduktive Hektik auslösen

Um ein gutes Gespräch in Fluss zu bringen, braucht es eine ruhige und entspannte Atmosphäre. Wählen Sie die Lokalität mit Bedacht oder bringen Sie im Vorfeld gezielte Wünsche an. Geben Sie sich Mühe, gelassen und souverän zu wirken. Sorgen Sie dafür, dass sich Ihr Gegenüber wohlfühlt und sich ganz auf die anzusprechenden Themen einstellen kann.

 

2. Unzureichend vorbereitet sein

Wer Persönlichkeiten mit Fragen kommt, die allgemein, oberflächlich oder schon x-mal gestellt worden sind, hat schlechte Karten. Ihr Interviewpartner muss spüren, dass Sie ihn und seinen Job ernst nehmen. Verblüffen Sie Ihr Gegenüber mit Insiderwissen und präzise ausgewählten Zitaten. Der Befragte wird sich geschmeichelt fühlen und Ihnen im Idealfall sein Innerstes öffnen.

 

3. Nicht auf Augenhöhe kommunizieren

Machen Sie sich nicht unnötig klein. «Interview» stammt vom französischen Wort «entrevue», was «einander sehen» bedeutet – und zwar auf Augenhöhe. Ihr Interviewpartner ist Spezialist auf dem Themengebiet X, Sie sind Spezialist für hochwertigen Journalismus. Gute Interviews sind Gespräche auf Augenhöhe mit offenem Ausgang.

 

4. Mit heiklen Fragen eröffnen

Der Interviewte soll sich an Sie und die Gesprächssituation gewöhnen können. Brüskieren Sie ihn von Anfang an mit Unverschämtheiten, wird er in Deckung gehen oder läuft Ihnen im Extremfall davon. Streichen Sie delikate Fragen nicht von der Liste, aber stellen Sie sie erst dann, wenn Ihr Gegenüber sich warmgelaufen hat. In der schriftlichen Fassung kann es aus dramaturgischen Gründen allerdings Sinn machen, genau diesen Frage-Antwort-Komplex nach vorne zu rücken.

 

5. Geschlossene Fragen stellen

Fragen Sie nicht: «Haben Sie sich darüber geärgert?». Denn was Sie davon haben, ist vielleicht nur trockenes «Ja!», was einer verpassten Chance gleichkommt. Viel besser fragen Sie offen, zum Beispiel: «Wie hat dieser Vorwurf auf Sie gewirkt?» Und schon bringen Sie Schwung ins Gespräch.

 

6. Frageketten bilden

Immer wieder flechten Journalisten kunstvolle Frageketten, anstatt zu einem eng umrissenen Thema nur eine Frage zu stellen. Grösster Nachteil von Frageketten: Der Befragte kann sich die leichteste Frage aussuchen. Und geht er tatsächlich auf die ganze Fragekette ein, werden die Antworten viel zu lang für einen gut lesbaren Text. Besser: Fassen Sie nach Teilantworten punktgenau nach.

 

7. Nicht sagen, was stört

In längeren Antworten können sich kluge Zwischenbemerkungen durchaus lohnen. Kommt es gar zu epischen Monologen, werfen Sie ruhig einen Stopper ein: «Könnten Sie sich etwas kürzer fassen?» oder «Wäre es Ihnen möglich, weniger Fremdwörter zu verwenden?» Aber bitte immer mit Fingerspitzengefühl!

 

8. Ungeprüfte technische Hilfsmittel einsetzen

Ein gelungenes Interview ist eine unwiederbringliche Momentaufnahme. Machen beispielsweise die Batterien Ihres Aufnahmegerätes während des Gesprächs schlapp, haben Sie’s vergeigt. Der Versuch einer Schadensbegrenzung im Nachgang bringt selten das erwünschte Ergebnis. Machen Sie deshalb immer eine Funktionskontrolle Ihrer technischen Ausrüstung.

 

9. Den genauen Wortlaut wiedergeben

Um Himmels willen! Ein gutes Interview ist fast nie das wörtliche Protokoll eines geführten Gesprächs. Gute Interviewer stellen Zusammenhänge her, deren sich die Interviewpartner im Gespräch manchmal gar nicht bewusst sind. Setzen Sie Ihre rhythmischen Vorstellungen um und verleihen Sie dem Text eine Dramaturgie. Manche Aussagen gilt es anzuheben. Der Part des Interviewers soll Spannung und Kontroverse einbringen. Der veröffentlichte Text ist im Idealfall ein Stück Literatur.

 

10. Nicht sauber nachbearbeiten

Versuchen Sie, das schriftliche Ergebnis wenn immer möglich direkt mit dem Gesprächspartner abzustimmen – ohne dass Manager, Unternehmenssprecher oder Presseverantwortliche dazwischenfunken können. Eine immer wieder gemachte Erfahrung: Wenn Sie einen guten, pointierten Text zur Freigabe einreichen, verlässt den Interviewten ob dem Gesagten oft der Mut. Versuchen Sie, hier konsequent zu bleiben: Kämpfen Sie um Ihren Text! Lassen Sie sachliche Korrekturen selbstverständlich zu, aber setzen Sie sich gegen Abschwächungen und Verwässerungen entschlossen zur Wehr. Hartnäckig zu bleiben, lohnt sich hier ganz bestimmt.