«Bewegung hält uns am Leben»

Frank M. Rinderknecht, Gründer und CEO von Rinspeed, über seine Mobilitätsvisionen und die Kräfte, die uns morgen bewegen.

Herr Rinderknecht, vom ersten VW Golf mit Flügeltüren bis zum variablen, vollvernetzten E-Mobilitäts­Ökosystem «Snap»: Wie fassen Sie die schillernde 40-jährige Rinspeed­Firmengeschichte zusammen?

Meine Arbeit war immer von Neugier und Leidenschaft geprägt. Es ging mir stets darum, neue Ufer zu entdecken und Grenzen der Machbarkeit zuverschieben.

 

Reine Geschwindigkeit hat auf der Strasse nichts mehr verloren. Macht dies den Firmennamen Rinspeed heute nicht obsolet?

Geschwindigkeit hat, etwas anders interpretiert, nach wie vor entscheidende Bedeutung für uns: Als Innovationsschmiede müssen wir permanent am Puls sein – rasch und effizient. Geschwindigkeit, Bewegung allgemein, hält uns am Leben. Mit der Behäbigkeit eines Grosskonzerns würde unser Geschäftsmodell nicht funktionieren.

 

Sie wandten sich vor zehn Jahren einem Nischenbereich der Mobilität zu.

Elektromobilität war vor zehn Jahren noch praktisch inexistent, und unser Engagement hätte auch fürchterlich danebengehen können. Ein typisch schweizerischer Spruch, den man häufig bei Geburtstagsfeiern hört, lautet: «Bleib bitte, wie du bist.» Da sage ich mir: «Bitte nicht!» Hoffentlich verändere ich mich und habe morgen ein neues Denken.

 

Wie muss ein Auto beschaffen sein, damit es Sie heute noch interessiert?

Es muss bequem sein und echten Nutzwert bieten. Wir sind noch in einer Übergangsphase, deshalb verwende ich Elektroautos im Kurzstreckenbetrieb und Verbrenner für längere Fahrten, denn ich habe unterwegs keine Lust, ständig nach Ladestationen Ausschau zu halten.

 

Frank M. Rinderknecht, Gründer und CEO von Rinspeed

Frank M. Rinderknecht, Gründer und CEO von Rinspeed.

 

Tritt der Besitz von Fahrzeugen in den Hintergrund?

So sieht es aus. Ich gehöre ja noch der aussterbenden V8-Generation an. Doch für meine Tochter oder andere jüngere Leute in ihrem Umfeld ist Mobilität gleichbedeutend mit Convenience. Sie muss verfügbar, einfach und günstig sein. Ein Mittel zum Zweck des Ortswechsels. Ich sehe mich nicht als Weltverbesserer, aber wenn ich mit meinen Konzeptfahrzeugen ein paar Gedankenanstösse in die richtige Richtung geben kann, ist meine Welt in Ordnung.

 

Ihre neuen Konzeptautos fahren elektrisch, sind vernetzt und passen zur Sharing Economy. Alle wichtigen Mobilitätstrends sind darin umgesetzt. Sie können sich also künftig nur noch auf Nebenschauplätzen austoben.

Nein, weiss Gott nicht! Ich glaube, das Thema Mobilität ist eben erst angelaufen. Woran wir gerade arbeiten, zielt in eine völlig neue Dimension. Wir integrieren die alterungsanfällige Hard- und Software der Bord-IT in die nutzungsintensive Fahrplattform und trennen diese von der langlebigen Fahrgastzelle. Damit entflechten wir die stark unterschiedlichen Lebenszyklen der diversen Komponenten.

 

Wie geht das konkret?

Schauen Sie, Ihr heute gekauftes Smartphone ist doch morgen schon wieder alt. Autos kannten diesen Effekt lange nicht. Doch seit sie ebenfalls mit immer mehr Elektronik vollgestopft werden, altern auch sie schneller. Deshalb lassen wir Fahrwerk und Aufbauten getrennte Wege gehen. Die Fahrplattform, welche Mechanik und IT trägt, wird nach intensiver Nutzung nach wenigen Jahren rezykliert. Die weit weniger beanspruchte Fahrgastzelle dagegen kann viele Jahre länger ihren Dienst tun.

 

Welches sind für Sie die brennendsten Fragen des individuellen Verkehrs?

Abgasverhalten und Effizienz.

 

 

«Die künftig wichtigsten Player der Mobilität haben wir heute noch gar nicht auf dem Radar.»

Frank M. Rinderknecht

 

Kommt Letztere mit dem autonom fahrenden Auto?

Bis zu einem gewissen Grad sicher, doch sobald eine bestimmte Anzahl Fahrzeuge eine bestimmte Infrastruktur gleichzeitig nutzt, entstehen Engpässe. Man sollte endlich Lösungen aufzeigen, welche die Leute dazu bringen, sich nicht mehr alleine in ein Fahrzeug zu setzen.

 

Sind batterieelektrische Antriebe wirklich der Weisheit letzter Schluss?

Nein, wenn auch im Moment ein logischer und praktikabler Kompromiss. Wer sagt denn, dass es nicht andere erneuerbare Energieformen gibt, die ausserhalb unseres heutigen Erkenntnisstands liegen? Wir haben immer die Wahl: Entweder machen wir nichts und fahren fossil, bis es nicht mehr geht. Oder wir schwenken um auf die jeweils nächstbessere Lösung.

 

Ein neuer Aspekt, den Sie in die Diskussion gebracht haben, ist die Integration des Zen-Buddhismus in die Mobilität. Weniger ist mehr – auch beim Autofahren?

Definitiv. Autofahren ist heute eine verlorene, tote Zeit. Sobald ich den Aufenthalt im Strassenverkehr sinnvoll nutzen kann – etwa zum Arbeiten oder zur Entspannung –, wird vieles vom heutigen vermeintlichen Luxus überflüssig. Und es kommt zu einer Entschleunigung, weg vom aggressiven, gestressten Fahren.

 

Und wie bringen Sie das Wohlfühlklima ins Auto?

Wir verfügen heute – teilweise auf Basis fernöstlicher Meditationstechniken – bereits über fortgeschrittenes Sensorikwissen. Kommunizierende Oberflächen mit weichzeichnenden Mustern und Bildern erzeugen jene Impulse, die es braucht, um den Passagier in einen Zustand entspannter Aufmerksamkeit zu versetzen.

 

Frank M. Rinderknecht

Frank M. Rinderknecht.

 

Wer wird in der neuen Mobilität künftig das Sagen haben?

Ich glaube, dass wir die künftig wichtigsten Player der Mobilität noch gar nicht auf dem Radar haben. Die Mobilitätsgeschichte der Zukunft wird jedenfalls nicht von den Autoherstellern geschrieben werden.

 

Von wem dann?

Mobilität bedeutet immer mehr das Nutzen von Dienstleistungen. Wer keine emotionale Bindung mehr zum Auto hat, stellt sich seine Verkehrsmittel selbst zusammen. Nur ist dieser individuelle Mobilitätsmix heute noch sehr aufwendig. Allein der Billettkauf wird zur Herausforderung, denn die Anbieter sind noch unzureichend vernetzt. Hier könnte bald die Stunde grosser Online-Versandhändler wie Amazon und Alibaba schlagen. Sie beherrschen Logistik im grossen Stil und haben zudem je 350 Millionen Kunden, die sie praktischerweise auch sehr gut kennen. Es wäre naheliegend, dass sie auch bald Mobilität anbieten und koordinieren.

 

Frank M. Rinderknecht gründete seine Firma Rinspeed 1977 ursprünglich, um günstiger an Mofa-Ersatzteile zu kommen. Sein Erfindergeist führte ihn jedoch bald zu Höherem. Seit den Achtziger-jahren befeuert er die Autoindustrie mit innovativen Antriebs- und Mobilitätskonzepten. Am Genfer Auto-salon 2018 zeigte Rinspeed mit dem Concept Car «Snap», wie sich die unterschiedlichen Lebenszyklen von Fahrzeug und Bord-IT synchronisieren lassen.