«Verliert die Schweiz den Anschluss?»

Zu Fragen der nationalen Energiezukunft könnten ihre Positionen kaum weiter auseinander liegen: Dem einen erscheint der vom Bund vorgeschlagene Weg viel zu zahm, dem anderen als energiepolitischer Jahrhundertfehler. Die Professoren Anton Gunzinger und Silvio Borner ziehen blank.

 

Braucht die Energiewende in der Schweiz eine Wende?

Silvio Borner: Je früher, desto besser. Zum Glück ist de facto noch nicht allzu viel passiert. Die AKW laufen noch, und Sonne und Wind liefern erst knapp 2 Prozent des Strombedarfs. Das hat den Vorteil, dass im Vergleich zu Deutschland noch nicht allzu viel falsch investiert worden ist. Politisch ist das von Nachteil, da die Leute die ausgelöste Kostenlawine noch nicht zu spüren bekommen haben.

Anton Gunzinger: Keine Wende, aber ein verschärftes Marschtempo. Denn die Energiestrategie 2050 ist ja an sich schon ziemlich zahm. Und in den letzten Monaten hat sie nochmals an Fahrt verloren. Sicher ist: Volkswirtschaftlich werden die Folgen des Status quo rasch sehr teuer. Jede Minute, in der die Kernreaktoren in diesem Land weiterlaufen, bedeutet einen volkswirtschaftlichen Verlust.

 

«Anton Gunzinger betreibt wohlüberlegte Manipulation mit wissenschaftlichem Anstrich.»

Silvio Borner

Silvio Borner, Schweizer Wirtschaftswissenschaftler

Silvio Borner, Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und Publizist.

 

Die Energielandschaft der Schweiz basiert noch immer auf einer «drill and burn economy». Wie kritisch ist diese Situation?

Anton Gunzinger: Wir sind tatsächlich noch immer zu 80 Prozent von fossilen Energien abhängig, die mehrheitlich in rechtsstaatlich unterentwickelten oder instabilen Nationen produziert werden. Deshalb sollten wir uns von diesen Abhängigkeiten unbedingt lösen und auf «100 Prozent erneuerbar» wechseln. Norwegen ist für mich ein Vorbild, zumal als erdölproduzierendes Land, denn dort werden heute schon 49 Prozent der Energie auf erneuerbarem Weg produziert.

Silvio Borner: Ohne die fossilen Energiequellen wären Industrialisierung und moderne Wirtschaftsentwicklung nicht möglich geworden. Windräder, Photovoltaik, Biomasse und Muskelkraft limitieren die Produktivität der Arbeit auf das Existenzminimum. Fossile Energie wird bis zur nächsten Jahrhundertwende weltweit führend bleiben müssen, wobei der Ersatz von Kohle durch Gas ökologisch grosse Vorteile bringen kann. Wir sollten diese Zeit als Chance nutzen, um für die langfristige Zukunft wirkliche technische Revolutionen vorzubereiten.

 

«Silvio Borner argumentiert auf Basis eines Modells, das auf Bandenergie und AKW abgestimmt ist.»

Anton Gunzinger

Anton Gunzinger, Author von "Kraftwerk Schweiz"

Anton Gunzinger, Chef von «Supercomputing Systems» und Autor von «Kraftwerk Schweiz».

 

Liegt die Stromzukunft, wie Bundespräsidentin Doris Leuthard sagt, in der intelligenten Vernetzung?

Silvio Borner: Unsere offenbar «dummen» Stromnetze von gestern haben uns bisher zuverlässig vor Blackouts bewahrt. Die «intelligente» Vernetzung von morgen kann im Verbund mit starker Preisdifferenzierung durchaus Verbrauchsspitzen glätten, aber niemals weder die Grundlast ersetzen noch den Flatterstrom saisonal ausgleichen. Das «Smart Grid» von Frau Leuthard ist das Instrument zur Durchsetzung einer Planwirtschaft mit Zwangsabschaltungen. Es bevormundet uns Konsumenten und erhöht die Gefahr von Blackouts.

Anton Gunzinger: Das ist ein Aspekt im ganzen Spiel, der zwar die Speicherproblematik etwas entschärft, aber keinesfalls ausreicht. Energie aus Sonne und Biomasse rufen nach starkem Ausbau. Leider hat es die Windenergie bei uns sehr schwer. Während China jede Stunde ein Windkraftwerk aufstellt, schaffen wir es kaum, ein einziges pro Jahr neu zu installieren. Ein Punkt ist aber zentral: Ein Hausdach mit integrierter Photovoltaik hält sich preislich bereits mit einem reinen Ziegeldach die Wage. Warum also noch ein neues Hausdach bauen ohne solare Stromproduktion?

 

Schweizer Stromkonzerne können bei der Grosswasserkraft nicht mehr kostendeckend produzieren. Sind staatliche Subventionen eine Lösung?

Anton Gunzinger: Nein, viel klüger wäre eine CO2-Abgabe auf alle Energieformen, wie wir sie auf Wärme bereits haben. Damit würde automatisch Kohle- und anderer Dreckstrom um 10 Rappen pro Kilowattstunde teurer. Mit ihren 5 bis 6 Rappen Produktionskosten wäre die Wasserkraft dann mit einem Schlag wieder konkurrenzfähig.

Silvio Borner: Nein, weil die Konzerne beziehungsweise ihre staatlichen Eigentümer in guten Zeiten exzessive Dividenden ausgeschüttet statt Reserven für schlechte Zeiten gebildet haben. Nein, weil Wasserkraft sofort wieder rentabel wird, wenn Deutschland aufhört, mit Dumpingpreisen den Strommarkt zu verzerren. Nein, weil mittelfristig die Preise für Grundlast und Speicherkapazitäten wieder steigen werden.

 

Welches Szenario würden Sie bevorzugen – eine vollständige Liberalisierung oder eine komplette Verstaatlichung des Strommarkts? Oder hat der Status quo für die nächsten Jahre Bestand?

Silvio Borner: Eine vollständige Liberalisierung bleibt eine Utopie, solange wir auf Netze angewiesen bleiben. Eine vollständige Dezentralisierung ist jedoch ebenfalls illusorisch. Eine Teilliberalisierung auf der Produktions- und Absatzseite wäre jedoch sicher vorteilhaft, ebenso eine Privatisierung der Konzerne. Zudem brauchen wir Anreize zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Ohne Abbruch der Wende landen wir zwangsläufig in einer totalen Planwirtschaft.

Anton Gunzinger: Das Netz könnte ohne weiteres in Richtung Verstaatlichung gehen. Die Regeln bei den Durchleitungsrechten müssten natürlich fair sein wie bei jedem Gemeingut. Die Energieproduktion und der Verbrauch jedoch gehören dem freien Markt überlassen. Es hilft der Energiewende auch, wenn alle Privatkonsumenten ihren Strom dann beziehen, wenn er günstig erzeugt werden kann und sie ihn zu einem entsprechend reduzierten Preis bekommen.

 

Könnten die neuen erneuerbaren Energien auch ohne Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) überleben?

Anton Gunzinger: Ja, die Konkurrenzfähigkeit der erneuerbaren Energien auf dem freien Markt ist heute bereits absehbar. Gleichzeitig sollten alle Subventionen für auf andere Energieformen (Kohle, Erdöl, Sicherheit bei AKW etc.) gestrichen werden. Ich würde die Anschubfinanzierung im jetzigen Rahmen aber noch etwa fünf Jahre beibehalten. Danach wird sie nicht mehr notwendig sein. Die KEV wurde von Anfang an befristet ausgelegt, und zwar so, dass sie nominell  kontinuierlich abnimmt. Und das ist auch richtig so, denn die Gestehungskosten für die Erneuerbaren werden weiter sinken.

Silvio Borner: Eine einfache Überschlagsrechnung ergibt: Die im Jahr 2015 ausbezahlte KEV betrug 677 Mio. Franken bei einem Marktwert des damit produzierten Stroms von 80 Mio. Franken. Ein ähnliches Verhältnis von 10:1 haben wir in Deutschland bei einer Subvention von 30 Mrd. Franken pro Jahr. Sonne und Wind kannibalisieren sich selbst: Der Marktwert einer Kilowattstunde Flatterstrom in den wenigen Solar- oder Wind-Produktionsspitzen sinkt schneller als die Kosten oder wird immer häufiger sogar negativ. Letzteres ist wirtschaftlich «billiger» als Abschaltungen von Bandwerken.

 

Stehen klimapolitische Ziele und der Atomausstieg im Widerspruch zueinander?

Silvio Borner: Dieser Zielkonflikt ist diametral, denn Sonne und Wind werden die Kernkraft nie voll ersetzen können und emittieren ohnehin schon 10 Mal mehr CO2 pro Kilowattstunde als die Kernenergie. Wir müssen entweder eigene Gaskombikraftwerke bauen oder zur Hauptsache deutschen Kohlestrom importieren, was wir übrigens gerade jetzt schon im grossen Stil tun.

Anton Gunzinger: Nein. Letztes Jahr hat die Welt etwa 250 TWh erneuerbare Energie zugebaut. Das entspricht etwa 30 Mal der Kapazität des KKW Gösgen. Die Schweiz produziert etwa 1 Prozent des weltweiten BIP. Proportional würde das für uns 2,5 TWh an Zubau erneuerbarer Energien bedeuten – also etwa die Menge, die das KKW Mühleberg produziert. Leider sind wir davon weit entfernt.

 

Macht es Sinn, Nukleartechnologien zur Stromproduktion weiter zu verfolgen?

Anton Gunzinger: Nein, denn die Grenzkosten von thermodynamischen Systemen zur Stromproduktion werden mit ihren bewegten Teilen, hohen Temperaturen und Drücken immer verhältnismässig hoch sein. Den 3 bis 4 Rappen Grenzkosten für Atomstrom steht heute schon 1 Rappen für Solarstrom gegenüber. Bezüglich Konkurrenzfähigkeit sollten sich Diskussionen deshalb heute schon erübrigen. Der einzige legitime Anwendungszweck von Nukleartechnologie zum Zweck der Stromerzeugung wäre aus meiner Sicht die vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) erforschte Methode. Damit würden unsere heutigen Atomabfälle als Rohstoff genutzt, wonach die neuen Abfälle nur noch 100 Jahre lang radioaktiv strahlen würden. Ich bleibe aber skeptisch, was die Umsetzung in die Praxis innerhalb nützlicher Frist betrifft.

Silvio Borner: Ja, das macht sicher nicht nur sehr viel Sinn, sondern wird international intensiv verfolgt, weil die Energiedichte hier millionenfach höher ist als bei Kohle oder Erdöl. Eine neue Reaktor-Generation mit viel kleineren Einheiten, weniger Abfällen und erhöhter Sicherheit – keine Kernschmelze mehr möglich – steht kurz vor der Marktreife. Ein Technologieverbot ist in einer offenen und demokratischen Gesellschaft grundsätzlich falsch und kontraproduktiv. Ein solches Denkverbot politisiert Forschung und Entwicklung und «fördert» bereits veraltete Technologien wie Solar und Wind. Aber auch wirtschaftlich sind neue Nukleartechnologien vielversprechend, nicht zuletzt, weil sich die Nuklearabfälle von gestern zu Rohstoffen von morgen wandeln werden.

 

Welche Energien werden in den nächsten Jahren billiger, welche teurer?

Silvio Borner: Wie die Entwicklungen bei Öl und Gas drastisch zeigen, sind hier grosse Preisschwankungen in Form von Zyklen auch in Zukunft zu erwarten, weil hohe Preise die Suche und Förderung antreiben, tiefe Preise jedoch bremsen. Zudem zeigt auch das Fracking, dass unerwartete technische Durchbrüche zu Preisstürzen führen können. Da die Welt als Ganzes erst noch vor einer rasch fortschreitenden Elektrifizierung steht, wird die globale Stromnachfrage sicher weiter stark wachsen.

Anton Gunzinger: Kernenergie verteuert sich seit 50 Jahren jährlich um 4 Prozent. Öl seit 70 Jahren um 6 Prozent auf dem Weltmarkt – in der Schweiz durch die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Dollar nur um 2 Prozent. Ich frage mich, wie lange wir uns das noch leisten wollen. Die Erneuerbaren werden seit 2005 jedes Jahr um 10 Prozent günstiger, wobei sich dieser Effekt natürlich verlangsamt. Waren am Anfang die Photovoltaik-Module selbst der grösste Kostenpunkt, macht heute die Arbeit 70 Prozent bei einer Solardach-Gesamtrechnung aus.

 

Muss, wer die Kostenwahrheit von Wind- und Sonnenstrom abbilden will, auch die zusätzlichen Investitionen ins Netz, in Speicher- und Backup-Lösungen einberechnen?

Anton Gunzinger: Die genannten Investitionen sind nach unseren Berechnungen zu vernachlässigen, denn das bestehende Netz kann sowohl mit Atomstrom umgehen als auch mit sogenannt hochvolatilem Flatterstrom aus Sonne und Wind. Zwar werden punktuelle Verstärkungen notwendig, aber die braucht es sowieso. Mit dem forcierten Ausbau der erneuerbaren Energien würde wohl eher ins intelligente Netz investiert und weniger in dicke Kupferleitungen.

Silvio Borner: Selbstverständlich. Das ist unter Fachökonomen absolut unbestritten, weil der Wert einer Kilowattstunde bei Wind und Sonne entscheidend davon abhängt, wann und wo sie produziert wird. Volkswirtschaftlich relevant sind die Kosten für die Endverbraucher, und da muss man eben die zusätzlichen Systemkosten von Solar- und Windstrom dazurechnen. Ein internationaler Vergleich der Strompreise belegt, dass diese mit steigendem Anteil von Solar- und Windstrom überproportional ansteigen, weil die Absicherung der Systemstabilität immer mehr kostet.

 

«Nuklearabfälle von gestern wandeln sich zu Rohstoffen von morgen.»

Silvio Borner

 

«Jede Minute, in der die Kernreaktoren weiterlaufen, bedeuten einen volkswirtschaftlichen Verlust.»

Anton Gunzinger

 

Wie hoch kommt die Kilowattstunde Atomstrom bei voller Kostenwahrheit zu stehen?

Silvio Borner: Da ein AKW einen Lastfaktor von 90 Prozent hat – während dieser bei Solar nur 10 Prozent und bei Wind 15 Prozent beträgt –, können die Produktionskosten gut mit Kohle als der billigsten Methode, aber auch mit Gas oder Öl verglichen werden, weil bei diesen Bandproduzenten keine zusätzlichen Systemkosten für Backup, Speicherung oder Netzinfrastruktur entstehen. Die Produktionskosten liegen bei 5 bis 8 Rappen, also etwas niedriger als beim Laufwasserkraftwerk. Aber wie gesagt: Die Produktionskosten an der Quelle von Wind- und Solarstrom können damit nicht verglichen werden.

Anton Gunzinger: Zu den Produktionskosten von 5,5 Rappen pro Kilowattstunde müssten 9,2 Rp./kWh für die Stilllegungs- und Entsorgungskosten addiert werden. Leider sind unsere Atomkraftwerke auch krass unterversichert. Das Bundesamt für Energie veranschlagt bei einem Super-GAU eine Schadenssumme von rund 5 Billionen Franken. Werden diese Kosten korrekt auf den erzeugten Atomstrom von etwa 25 TWh/Jahr abgewälzt, ergibt sich eine Verteuerung von 16,7 Rp./kWh. Zusammen ergibt dies einen Marktpreis von 31,4 Rappen pro Kilowattstunde, Netzkosten nicht eingerechnet.

 

Wie viel sollte ein Liter Benzin bleifrei 95 an der Tankstelle kosten?

Anton Gunzinger: Für die individuelle Mobilität sollte fossiler Treibstoff an der Zapfsäule ein Preisschild von 10 bis 12 Franken bekommen. Natürlich nicht über Nacht, sondern mit einer sukzessiven Erhöhung um 1 Franken pro Jahr ab 2018. Wer dann immer noch fossile Ressourcen verbraucht und die Umwelt belastet, soll das am eigenen Portemonnaie spüren. Ziel muss es sein, möglichst bald möglichst viele Benzin- und Dieselfahrzeuge durch Elektroautos zu ersetzen. Als Ausgleich liessen sich die Einkommenssteuern reduzieren – um 20 bis 30 Prozent!

Silvio Borner: Für Benzin gibt es im Grosshandel einen Weltmarkt mit einem Einheitspreis, der nur durch Transportkosten regional abweichen kann. Vom Preis an unseren Tankstellen von etwa 1.50 Franken fliessen 84 Rappen als Steuern an den Schweizer Fiskus, also weit mehr als an die Ölscheiche, weil ja auch Wertschöpfungen im Inland anfallen. Wenn Herr Gunzinger von 10 Franken pro Liter träumt, dann macht er die Rechnung ohne den Wirt (Tank-Tourismus) oder die Wirtschaft (Produktionsverlagerung).

 

Auch Solarzellen, Windräder und Batterien benötigen für ihre Herstellung nicht erneuerbare Ressourcen. Was bedeutet dies für eine nachhaltige Energiezukunft?

Silvio Borner: Nicht nur die Herstellung ist ökologisch prekär, sondern fast mehr noch die Entsorgung. Gerade Batterien und Solarpanels enthalten viele giftige Stoffe, die im Kontrast zur Radioaktivität nie zerfallen. Und das in Mengen, die um ein Vielfaches grösser sind als die Nuklearabfälle. Energie ist eben entgegen vielen Behauptungen alles andere als absolut begrenzt. Und für das nächste Jahrtausend werden sicher echte Innovationen verfügbar, die wir heute noch nicht kennen. Die Devise muss daher lauten: alle Optionen offen halten und nur die freie Grundlagenforschung staatlich fördern!

Anton Gunzinger: Hier gilt es den sogenannten Erntefaktor zu beachten. Wie lange braucht eine Anlage, bis sie sich finanziell amortisiert hat? Mir erscheint der Ansatz einleuchtend, dass die Amortisation bei allen Produktionsarten – egal ob AKW, Wasserkraftwerk oder Photovoltaik-Anlage – etwa gleich lang dauert, nämlich ein bis zwei Jahre. So lange braucht es, bis eine Anlage so viel Energie produziert hat, wie es gebraucht hat, um sie herzustellen. Zudem ist das Denken in Kreisläufen für mich auch bei der Materialwirtschaft unumgänglich und wird in Zukunft immer wichtiger. Recycling in der Energiewirtschaft ist das A und O.

 

Weshalb sind die Wirtschaftsverbände gegen die Energiewende?

Anton Gunzinger: Ich glaube, Economiesuisse & Co. haben die verschiedenen Szenarien weder sauber durchdacht noch exakt durchgerechnet. Dazu kommt ein entscheidender Punkt: Die Energiewende zieht grosse Veränderungen bei den Machtstrukturen nach sich. Und wer die Macht behalten will, stellt sich gegen diese Veränderung. Die AKW waren ja bisher eine so praktische Geldmaschine. (Wenn man einmal nachschaut, wer wo überall in den Verwaltungsräten sitzt, wird einem vieles klar.)

Silvio Borner: Sind sie das wirklich? Sie sind eben hin- und hergerissen zwischen dem kurzsichtigen Subventionssegen und den langfristigen Schäden für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Zudem zeigen sich gerade die grossen Dachverbände auch nicht mehr klar weltmarktorientiert, sondern innerlich zerrissen und selbst ideologisch gespalten. Auch Teile des Finanzsektors sind für die Wende, weil die Subventionen neue, vorläufig risikolose Geschäftsfelder erschliessen.

 

Ich möchte mit einem durchschnittlichen Budget ein neues Einfamilienhaus bauen. Wie sieht dessen zukunftstaugliche Energieversorgung aus?

Silvio Borner: Das soll bitte jeder für sich selber überlegen und entscheiden dürfen. Ein gesetzlicher Rahmen, zum Beispiel für Wärmedämmung oder Sicherheit, ist natürlich nötig. Aber was ich essen darf oder wie ich heizen will, muss man mir überlassen. Je nach Situation machen sowohl Elektro- als auch Ölheizungen ökonomisch und ökologisch durchaus Sinn. Wir haben schon heute die höchste CO2-Steuer der Welt. Alles Weitere ist staatliche Bevormundung mit Abwälzung der Investitionsrisiken auf die privaten Haushalte und Firmen. Wärmenetze sind ausser in dicht besiedelten Gebieten mit Zugang zu Abwärme oder Geothermie nicht effizient.

Anton Gunzinger: Zurzeit gibt es für mich nur eine vernünftige Lösung: Solar aufs Dach, eine Wärmepumpe mit Erdsonde und eine Speicherbatterie. Dieses moderne Powerpack aus Photovoltaik und Batterie ist eine so starke Kombination, dass sie unser Stromversorgungssystem auf den Kopf stellen wird. In naher Zukunft werden wir damit nur noch Kosten von 3 Rappen pro Kilowattstunde haben – einen für die Solarstrom-Produktion und zwei für die Speicherung. Ich bitte Sie, wo gibt’s da noch Fragen?

 

Bin ich mit meinem neuen Haus noch auf den Anschluss ans Stromnetz angewiesen?

Anton Gunzinger: Allenfalls noch im Winter. Wenn Sie Ihre Gebäudehülle gut isoliert haben und noch eine Holzpellet-Zusatzheizung installieren, haben Sie gute Chancen auf vollständige Autarkie und brauchen im Grunde keinen Anschluss ans Stromnetz mehr. Da die Preise der Batterien in den nächsten fünf Jahren nochmals stark einbrechen werden, wird das zweifellos ein massentaugliches Modell werden. Bei der Baukostenrechnung ist derjenige, der bei der Heizung heute  voll auf erneuerbare Energien setzt, klar im Vorteil. Wer beim Bauen nicht unnötig Geld ausgeben will, verzichtet heute auf eine Ölheizung, gar keine Frage.

Silvio Borner: Also ich persönlich mit Sicherheit und in grosser Dankbarkeit. Aber auch hier kann man ja freiwillig darauf verzichten, wie dies die berühmten «Hütten von Brütten» ja demonstrieren. Leider sind diese nur bezüglich direktem Energieverbrauch vorbildlich, in allen anderen Belangen aber unverantwortlich nicht-nachhaltig. Trittbrettfahrer sind die Eigenheimbesitzer mit Solardächern, die das Netz als Speicher missbrauchen dürfen – und dafür noch finanziell belohnt werden. Sie belasten damit die anderen mit rund 1000 Franken pro Haus und Jahr.

 

Ich benötige ein neues Fahrzeug. Ich fahre zu 80 Prozent Kurzstrecken, zu 20 Prozent Mittel- und Langstrecken. Welchen Antrieb hat mein neues Mittelklasse-Auto?

Silvio Borner: Auch hier: Lasst doch bitte jeden selber entscheiden. Mein gemietetes Golfwägeli hat einen sinnvollen Elektroantrieb, der erst noch mit französischem Atomstrom geladen wird. Vor über hundert Jahren haben sich Thomas Edison und Henry Ford über die Zukunft des Autos heftig gestritten. Ford hat gewonnen, weil die Leute im Markt so entschieden haben. Wer weiss: Vielleicht gewinnt Edison doch noch. Aber bitte auch nur via den Markt.

Anton Gunzinger: Mit diesem Anforderungsprofil bietet sich ein Elektroauto mit Range Extender an – oder zumindest ein Plug-in-Hybrid. Kürzlich kam ein Architekt auf mich zu, mit Sicherheit kein Grüner: Er sagte: «Ich fahre mit meinem BMW i3 REx rund 25’000 Kilometer im Jahr. Das Fazit könnte besser nicht sein, und die Unterhaltskosten haben sich halbiert, was noch untertrieben ist.» Und als ich fragte, wie oft er den Bord-Benzinmotor bisher eingesetzt habe, meinte er: «Noch nie!»

 

International geht im Energiesektor die Post ab. Verschläft die Schweiz den Anschluss?

Anton Gunzinger: Der Druck vom Ausland auf die Schweiz wird in allen Cleantech-Geschäftsfeldern gigantisch werden. Entweder schwimmen wir auf dieser Welle mit oder wir sind bald «out of business». Entweder verstehen das die Politiker oder nicht. Im Moment lässt die nicht eben sehr intelligente Haltung der Wirtschaftsverbände und der grossen Firmen darauf schliessen, dass wir international den Anschluss verpassen. Wir in der Schweiz müssen aufpassen, dass wir nicht von kurzsichtigen Ideologen in die Irre geführt werden, denn der Preis dafür wäre einfach zu hoch. Das Wichtigste ist, dass wir bei allem, was wir im Energiesektor tun, an die nächsten Generationen denken – an unsere Enkel. Dann ist klar, was zu tun ist.

Silvio Borner: Die Post geht nicht in Europa ab, und im internationalen Kontext sind Deutschland und die Schweiz krasse Sonderfälle, die anderswo zum Kopfschütteln oder Achselzucken anregen. Der Tenor lautet: «Offensichtlich können die sich solchen Guguus leisten!» Die Welt als Ganzes setzt nach wie vor primär auf fossile Energien, hoffentlich mit Bevorzugung von Gas gegenüber Kohle. China setzt im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung nicht auf Sonne und Wind, sondern will diese gar auf zehn Prozent begrenzen. Im grossen Stil wird im Nuklearbereich investiert, weniger wegen des Klimas als vielmehr wegen der lokalen Luftverschmutzung und der Stabilität des Stromnetzes.

 

Welchen entscheidenden Denkfehler leistet sich Anton Gunzinger in Bezug auf die Energiewende?

Silvio Borner: Er glaubt offensichtlich an sein komplexes Simulationsmodell, das im Computer reibungslos funktioniert, aber mit der realen Stromversorgung wenig gemeinsam hat. Jedes Modell ist eine Vereinfachung der Realität. Entscheidend für die Erklärungskraft sind die getroffenen Annahmen. Und diese sind bei Gunzinger haarsträubend – zum einen rein spekulativ, etwa über technische Fortschritte, Einsparpotenziale oder Alpenstandorte für Solarfarmen, zum anderen getrieben durch grüne Wunschträume. Das Modell ist so konstruiert, dass das herauskommt, was der grünen Ideologie entspricht, aber die zentralen Fakten und Zusammenhänge ausblendet. Das ist weniger ein Denkfehler als eine wohlüberlegte Manipulation mit wissenschaftlichem Anstrich.

Anton Gunzinger: Er ignoriert sowohl die Physik als auch die volkswirtschaftlichen Kosten. Silvio Borner argumentiert mit den betriebswirtschaftlichen Kosten eines Modells, das auf Bandenergie und Kernkraftwerke abgestimmt ist, und sagt: «Aus diesem Grund funktioniert die Energiewende nicht.» Bei mir hingegen muss immer zuerst die Physik stimmen, dann schaue ich, dass die volkswirtschaftlichen Kosten so tief wie möglich sind, denn jemand muss immer dafür aufkommen. Und dieser «Jemand» ist der Steuerzahler. Deshalb geht für mich die Kaskade in dieser Reihenfolge: Physik, Geld und dann Politik. Silvio Borner ist genau in der Gegenrichtung unterwegs. Und den Rest ignoriert er einfach.

Silvio Borner (75) wurde 1973 an der Hochschule St. Gallen habilitiert und ist heute emeritierter Professor für Wirtschaft und Politik an der Universität Basel. Als Publizist präsidiert er das «Carnot-Cournot-Netzwerk» (CCN), einen Think Tank für Politikberatung in Technik und Wirtschaft, der auf wissenschaftlicher Basis politische Vorstösse aller Art kommentiert. c-c-netzwerk.ch

Anton Gunzinger (60) schloss sein Elektroingenieur-Studium an der ETH Zürich ab und verfasste seine Dissertation über parallele Bildverarbeitungsrechner. 1993 gründete er sein Unternehmen «Supercomputing Systems AG» mit Sitz im Zürcher Technopark. Sein Buch «Kraftwerk Schweiz – Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft» erschien 2015 im Zytglogge-Verlag.