«Der digitale Leser ist eine riesige Chance»

Hansi Voigt ist ein markanter Kopf in der Schweizer Medienwelt. Er arbeitete in leitenden Positionen für verschiedene Print- und Online-Medien, gründete das Newsportal watson.ch – sowie letztes Jahr «WePublish», eine Open-Source-Infrastruktur für digitale Medienmarken. Der Medienmacher über den digitalen Wandel der Medien.

 

Der neue Leser als Teil der digitalen Medienformate

Das Interview wurde im Nachgang des Business-Lunches «Der digitale Leser» bei RedAct von der Praktikantin Chiara Frey vorbereitet und geführt.

 

 

Wie hat sich Ihr Interesse für Medien entwickelt?

Ich bin in Deutschland geboren. Das Land steht, in seiner jüngeren Geschichte, wie kein zweites, einerseits für demokratische Meinungsbildung und andererseits für Propaganda. Das hat mich sicher sehr geprägt und fasziniert. Ausserdem stamme ich aus einer Familie, die zu Hause immer viel über die ganz grossen Themen gestritten und diskutiert hat. Ich habe früh gelernt, Gerechtigkeit einzufordern.

 

Haben Sie watson.ch aus einem Bauchgefühl heraus entwickelt – oder auf Basis scharfer Marktanalysen?

Mein Ziel war es immer, journalistische Inhalte und Gedanken zu den Leuten zu bringen und zur Debatte zu stellen. Predigen finde ich langweilig. Ausserdem kann ich als Journalist nicht mehr darauf bauen, dass die Leute zu den Inhalten kommen, sondern dass ich die Inhalte zunehmend zu den Lesern bringen muss. Wir konnten dabei auf unsere grosse Online-Erfahrung von 20 minuten.ch zurückgreifen. Aber letztlich ist sicher auch viel Bauchgefühl bei so etwas dabei.

 

Wenn Sie sich die aktuellere Entwicklung von watson.ch seit Ihrem Abgang ansehen, was fällt Ihnen da auf?

Die Navigationsleiste auf der Website entstand nach meiner Zeit, und – ehrlich gesagt – finde ich sie ziemlich unnütz. Aber ansonsten bin ich sehr stolz darauf, wie sie sich watson entwickelt. Die DNA ist die Gleiche geblieben.

 

Gratiszeitungen wie «20 Minuten» haben in den Köpfen der Leute die Meinung gefestigt, journalistische Arbeit sei unentgeltlich zu haben. Diese Haltung hat die Medienkrise noch beschleunigt. Waren Sie an diesem «Ausverkauf des Journalismus» folglich nicht selbst massgeblich beteiligt?

Das Problem sind – in diesem Fall – nicht die Gratiszeitungen. Wir haben einfach, dank der Digitalisierung, unendlich viele Informationen jederzeit zur Verfügung. Jeder Artikel ist heute fünf Minuten lang «News» und danach für die Ewigkeit Bestandteil eines immer grösser werdenden «Archivs». Da gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das teure Gut sind nicht mehr die Informationen. Das teure Gut ist meine Aufmerksamkeit. Weshalb soll ich für Informationen zahlen, die es doch im Überfluss gibt? Hier verschieben sich letztlich die gesamten Wertschöpfungsketten radikal. Die zentrale Frage wird irgendwann mal lauten: «Wer bezahlt mich, damit ich ’20 Minuten’ lese oder auf Facebook meine Datenspur hinterlasse?“ Ich schaffe schliesslich einen Mehrwert und will davon einen Anteil.

 

 

«Der Preis – beziehungsweise dessen Inexistenz – darf nicht der Auslöser sein, damit die Leute Zeitung lesen.»

Hansi Voigt, digitaler Medienpionier

Hat Print Ihrer Meinung nach auf irgendeinem Gebiet noch Vorteile gegenüber den digitalen Kanälen?

Gedruckte Medien werden massiv an Reichweite und somit an Relevanz verlieren. Ganz aussterben werden sie nicht. Eine Zeitung oder ein Heft, das man in die Hand nehmen kann, stellt ein abgeschlossenes Werk dar. Das behält durchaus seinen Reiz. Der Grossteil des täglichen Mediengeschehens wird in Zukunft aber nur noch online stattfinden.

 

Die beliebtesten Websites in der Schweiz

Die Rangliste der regelmässigen Nutzung von Websites im Jahr 2017 zeigt zwei klare internationale Spitzenreiter, bei den Verfolgern erscheint dann mit 20-Minuten bereits der erste nationale Player: ein Newsportal.

 

Statistik über die meistbesuchten Webseiten der Schweiz 2017

Information zählt: Zu den 20 meistbesuchten Websites in der Schweiz 2017 zählen sechs Online-Medien – alle aus der Schweiz.

 

Welche digitalen Publishing-Formate erscheinen Ihnen als besonders zukunftsträchtig? Wohin gehen Ihrer Meinung nach die Trends?

Zunächst sollte «Online» als eigene Mediengattung begriffen werden. Zukunftsträchtig erscheint mir hierbei alles, was dem Leser nützt oder ihn einbezieht. Wenn die Informationsvermittlung dabei nicht vor allem nach trockener Arbeit aussieht, umso besser. Die Behauptung, Online würde nur Kurzfutter konsumiert ist Quatsch. Auch wirklich gut geschriebene Formate finden ihre Leser. Mit Betonung auf «wirklich gut». Denn grundsätzlich wird «Durchschnitt» gnadenlos bestraft. Durch Nicht-Beachtung. Ausserdem bin ich sehr offen für journalistische Native Advertising Formate. Aber nur bei absoluter Transparenz und nur dann, wenn die Werbetreibende sich wirklich als Ermöglicherin versteht und nicht als Manipulator. Ich weiss, das ist ein schmaler Grad. Aber gerade Watson liefert hier, bei hoher journalistischer Glaubwürdigkeit, sehr viele gelungene Beispiele

 

Sie haben letztes Jahr «WePublish» gegründet, eine Open-Source-Plattform für digitale Medienmarken: Was genau bezwecken Sie damit?

«WePublish» ist eine Infrastruktur, die auch neuen und kleinen Medienanbietern digitale Tools für die Verbreitung ihrer journalistischen Inhalte zur Verfügung stellen will. Im Kern geht es darum, unabhängige Marken und gleichzeitig den Wettbewerb der Inhalte um unsere Aufmerksamkeit zu fördern.

 

Wie läuft «WePublish»? Können Sie schon eine erste Bilanz ziehen?

Es besteht grosses Interesse von vielen Seiten. Es ist aber nicht einfach, Risikokapital für eine Not-for-Profit-Organisation zu finden. Ausserdem haben die alten Platzhirsche nicht wirklich auf eine neue Idee gewartet. Wir haben aber inzwischen Unterstützung von verschiedenen Stiftungen und starten gerade mit dem ersten Pilotversuch.

 

Wie würden Sie die besten Rezepte aus dem Online-Journalismus aufs digitale Content Marketing im Auftrag von Unternehmen übertragen?

Es geht immer um die Geschichte. Und viele kleine Storys ergeben die grosse Geschichte. Mein Rezept lautet: Erkennt den Kern oder die DNA der grossen Geschichte und verbreitet sie in ganz vielen kleinen Aspekten und Mosaiksteinen.

 

Und sonst?

Der ganze Wandel macht grossen Spass. Wer sich wirklich darauf einlässt, hat gute Chancen. Aber die meisten Versuche sind viel zu zögerlich und zu sehr aus der Vergangenheit heraus gedacht.

Hansi Voigt, Jahrgang 1963, ist in Deutschland geboren, zog aber schon früh mit seiner Familie in die Schweiz. Er studierte Geschichte an der Zürcher Universität. Seine journalistische Laufbahn begann als Produzent der Wirtschafts-Wochenzeitung «CASH», die er zuletzt als Chefredaktor interimistisch leitete. 2006 gewann Voigt den Zürcher Journalistenpreis für eine Reportage im «Beobachter» und heuerte bei 20 minuten Online als Newsredaktor an. Unter seiner Leitung entwickelte sich 20min.ch zum grössten Newsportal der Schweiz. 2013 gründete Voigt mit Franz Ermel und Steven Goodman die Newsplattform watson.ch. 2016 übergab Voigt die Watson-Geschäftsführung an Michael Wanner. Sein neues Projekt «WePublish» beschäftigt sich mit der Förderung unabhänger, journalistischer Eigenmarken. Das Magazin «Schweizer Journalist» zeichnete Voigt dreimal als Chefredaktor des Jahres aus. Hansi Voigt hat dem Team von RedAct anlässlich eines Referats seine Gedanken zum Medienwandel teilhaben lassen und zum Nachdenken angeregt.