Mathias Binswanger über Glück und Zufriedenheit

Glücksforscher Mathias Binswanger warnt davor, dem Glück mithilfe des wirtschaftlichen Erfolgs nachzujagen. Wer sich mit dem Erreichten nie zufrieden gebe, könne nicht glücklich werden.

Vierteljährlich ein kompetentes Energiegespräch: Das vollständige Interview ist nachzulesen im «smart-Verbund» – dem meistgelesenen Kundenmagazin der Schweizer Energieversorger. Gerne schicken wir Ihnen ein pdf oder eine gedruckte Ausgabe zu: hello@red-act.ch

 

Herr Binswanger, welches Stromprodukt kommt bei Ihnen zu Hause aus der Steckdose?

Das weiss ich gar nicht so genau, und das ist irgendwie symptomatisch. Denn die wenigsten Menschen wollen einen Grossteil ihrer Freizeit dafür aufwenden, überall herauszufinden, was nun wirklich das beste – sprich nachhaltigste oder günstigste – Angebot ist. Wie ich schon in meinem Buch «Die Tretmühlen des Glücks» ausführe, ist es heute völlig unmöglich, alles immer optimal zu entscheiden. Es gibt zu viele Informationen, und sobald ich anfange, irgendwo zu optimieren, zahle ich zwangsläufig mit Zeitnot bei anderen Entscheidungen.

 

Ist saubere Energie denn kein wichtiger Puzzlestein, der zum Glück des Menschen beitragen kann?

Dazu müsste ich schon selber entsprechende Aktivitäten entwickeln – indem ich etwa eine kleine Produktionseinheit erneuerbarer Energie ans Netz bringe. Wer aber nur dieses oder jenes Energiepaket bezieht, wird sein Glück dadurch kaum steigern.

 

Ist der Einsatz von erneuerbaren Energien überhaupt ein Garant für mehr Nachhaltigkeit?

Nein. Man reduziert die Nachhaltigkeitsdiskussion gerne auf den Anteil erneuerbarer Energieträger am Gesamtverbrauch. Das ist aber eine völlig verkürzte Sichtweise. Nachhaltigkeit ist immer von Fall zu Fall zu betrachten: In einem Land wie der Schweiz kann es sogar kontraproduktiv sein, erneuerbare Energien auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen. Denn wenn etwa Windenergie mit Landschaftsschutz oder Tierschutz in Konflikt kommt, ist das nicht mehr zwingend nachhaltig.

 

Gewinne bei der Energieeffizienz werden erfahrungsgemäss rasch wieder zunichte gemacht. Beispielsweise verbrauchen elektrische Geräte zwar weniger Strom, dafür werden mehr davon gekauft. Sind wir solchen Rebound-Effekten hilflos ausgeliefert?

Vieles deutet darauf hin, denn jeder Effizienzgewinn schafft tatsächlich eine neue Nische. Und da wir in einer Wirtschaft leben, die auf Wachstum ausgerichtet ist, wird sofort versucht, diese Nische zu besetzen. Der entscheidendste Rebound-Effekt bezieht sich wohl auf den Faktor Zeit. Beispiel: Wird der Verkehr schneller – durch Strassenausbau oder Hochgeschwindigkeitszüge – reist der Mensch einfach häufiger und legt weitere Distanzen zurück. Das erklärt auch, weshalb die Zeitdauer pro Tag, die für Mobilität aufgewendet wird, statistisch gesehen immer ungefähr konstant bleibt.

 

Machen Ökosteuern auf Energie Sinn, und wenn ja, in welcher Ausgestaltung?

Die Steuerlast etwas zu verschieben, kann durchaus sinnvoll sein, indem der Faktor Arbeit weniger, der Faktor Ressourcenverbrauch aber stärker besteuert wird. Dieses Verursacherprinzip in der Umweltpolitik macht Sinn, zumindest in der Theorie. In der Praxis funktioniert das aber häufig nicht. Entweder weil die Steuern in der erhobenen Höhe gar nicht relevant sind, oder weil grundlegende Fehler damit verbunden ist. Zum Beispiel bei den Emissionszertifikaten, die viel zu grosszügig zugeteilt wurden. Ohne die erwünschte Wirkung zu erzielen, haben sie einfach einen grossen administrativen Aufwand verursacht.

 

Studien sagen, Schweizer seien im internationalen Vergleich überdurchschnittlich glücklich. Wer sich umschaut, erhält allerdings einen anderen Eindruck. Woher rührt diese Diskrepanz?

Besucher aus dem Ausland gewinnen bei uns tatsächlich nicht den Eindruck, die Schweizer seien ein besonders glückliches Volk. Menschen tendieren dazu, ihr Glück oder ihre Zufriedenheit bei Umfragen zu überschätzen. Das ist der sogenannte Social Desirability Bias. Dieser scheint in der Schweiz speziell hoch ausgeprägt zu sein – so nach dem Motto: «Wenn man alles hat, muss man doch zufrieden sein.»

 

Wir leben in der Tradition, dass Genussmomente immer erst erarbeitet werden wollen. Ein Stolperstein für echtes Glück?

Ja und nein. Permanentes Nichtstun ist sicher kein Glücksfaktor. Glück und Zufriedenheit in unserer Kultur stellen sich vor allem ein, wenn nach überdurchschnittlicher Anstrengung das Gefühl aufkommt, wir hätten eine gute Leistung erbracht. Die Gefahr besteht jedoch, diesen Aspekt ins Extreme zu kultivieren, indem wir immer mehr leisten und uns nie zufrieden geben. So wird das Streben nach permanenter Höchstleistung zu einer Glücksbremse.

 

Gewinn, Effizienz, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit gelten als Elemente der wirtschaftlichen Heilsbotschaft. Zudem sind wir sehr stark vom Wachstumsgedanken geprägt. Wohin führt diese Haltung?

Eigentlich ginge es darum, ein möglichst gutes Leben zu führen. Die Mittel, um dies zu erreichen, sind inzwischen aber zum Selbstzweck geworden. Wenn ich wettbewerbsfähiger bin, dann ist das per se schon gut. Und wenn ich innovativ bin, ist das ebenfalls gut, ohne zu wissen warum und wozu. Diese Mechanismen haben sich quasi verselbständigt. Wenn wir uns aber abrackern, ohne zu wissen wofür, dann haben Glück und Zufriedenheit einen schweren Stand.

 

Sollte man statt nach Glück einfach nach einem erfüllten Leben streben?

Mit diesen grundsätzlichen Fragen beschäftigt sich die Philosophie schon seit Jahrtausenden. Ist es besser, möglichst gleichmütig dahinzuleben – ohne besondere Glücksmomente, aber auch ohne Phasen des Unglücklichseins? Oder ist das Wechselbad der Gefühle anzustreben – mit Momenten höchsten Glücks, aber auch ganz extremen Tiefs? Die klassische Philosophie der Stoiker vertritt den Ansatz, es sei besser, eine gleichmütige Haltung zu entwickeln. Denn die Glücksmomente würden die Unglücksmomente niemals aufwiegen. Es gibt aber andere Philosophen wie Nietzsche, die sagten, es komme nur auf die Glücksmomente an.

 

Welche gesellschaftspolitischen Folgerungen sind daraus zu ziehen?

Da sich nicht festlegen lässt, was Glück im Einzelfall genau ist, sollte man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen – nämlich die Gesellschaft so zu gestalten, dass es den Menschen möglichst leicht gemacht wird, ein glückliches Leben zu führen. Herrscht etwa eine extreme Ranking-Kultur, wo die Menschen ständig dazu angehalten werden, sich mit anderen zu vergleichen, dann wird ein glückliches Leben dadurch erschwert.

 

Mathias Binswanger (52) ist Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Schwerpunkte seiner Forschungen betreffen den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück sowie die Umweltökonomie. Auszug aus seinen Buchveröffentlichungen: «Die Tretmühlen des Glücks» (2006), «Sinnlose Wettbewerbe» (2010), «Geld aus dem Nichts» (2015).