Daniele Ganser fordert mehr Stromproduktion

Der Energie- und Friedensforscher Daniele Ganser über Peak Oil, Rohstoffbeutezüge und die Notwendigkeit, die Energiewende mit allen Mitteln voranzutreiben.

Vierteljährlich ein kompetentes Energiegespräch: Das vollständige Interview ist nachzulesen im «smart-Verbund» – dem meistgelesenen Kundenmagazin der Schweizer Energieversorger. Gerne schicken wir Ihnen ein pdf oder eine gedruckte Ausgabe zu: hello@red-act.ch

 

Herr Ganser, woran lässt sich festmachen, dass Peak Oil bereits hinter uns liegt – zumindest beim konventionellen Erdöl?

Das belegen die Zahlen der Internationalen Energieagentur, die jährlich den «World Energy Outlook» herausgibt, die «Bibel der Energiewirtschaft». Grob gesagt: Die Erdbevölkerung verbraucht täglich 90 Millionen Fass Erdöl, davon sind 70 Millionen konventionelles Erdöl, das einfach und billig zu fördern ist. Diese Fördermenge stagniert aber bereits seit mehr als acht Jahren.

 

Wie weit verschiebt die Erschliessung unkonventioneller Erdölvorräte das globale Fördermaximum in die Zukunft?

Im Moment sieht man, dass sich Peak Oil mittels Fracking-Technik tatsächlich noch etwas hinausschieben lässt. Aber zu welchem Preis! Man sprengt den Boden auf, hinterlässt massive Schäden an der Umwelt und wendet dabei mehr Energie und finanzielle Mittel auf als je zuvor. Peak Oil kommt so zwar etwas später, ist aber nicht abzuwenden. Die Länder, die ihre Erdölabhängigkeit bereits reduziert haben oder dies ab sofort tun, sind sicher gut beraten.

 

Warum verharren die Preise für fossile Treibstoffe seit geraumer Zeit auf so auffällig tiefem Niveau?

Man muss verstehen, dass der Erdölmarkt ein manipulierter Markt ist. Es gibt auch einen Kampf der verschiedenen Produzenten untereinander. Saudi-Arabien, der wichtigste Player unter den dreizehn Opec-Staaten, kann den Ölhahn aufdrehen und den Markt schwemmen. Mit dem Tiefpreis soll unter anderem verhindert werden, dass die Europäer sich über eine grüne Revolution völlig vom Erdöl verabschieden. Das funktioniert wie bei einem Dealer, der den Stoff nicht zu teuer, aber auch nicht zu billig verkauft, um die Abhängigen bei Laune zu halten. Wäre der Ölpreis bei 150 Dollar geblieben wie kurz im Jahr 2008, hätten alle Hausbesitzer längst ihre Erdölheizung verschrottet und wären auf Elektroautos umgestiegen.

 

Ist die Preisbaisse der Grundstein für künftig umso rapidere Preisanstiege?

Das ist möglich, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Erdölfirmen jetzt ihre Projekte zurückstellen. Shell zum Beispiel wollte in der Nordpolregion bohren, aber für 40 Dollar pro Barrel lohnt sich das nicht. Ich stelle mich beim Erdöl weiterhin auf eine lange, sehr volatile Preisphase ein.

 

Der Erdölrausch zwischen 1950 und 2000 forderte einen ganz anderen Preis. Inwiefern wurde dadurch der Wechsel auf alternative Energiequellen verschlafen?

In ganz erheblichem Ausmass. Nur ein Beispiel: Mit dem Wissen um spottbilliges Öl hat man allein in der Schweiz Hunderttausende von Einfamilienhäusern mit schlechter Isolation und Ölheizung gebaut. Trotzdem wurden im Winter sämtliche Zimmer auf 21 Grad hochgeheizt. Aus ökonomischer Sicht damals zwar verständlich, war dies aber eine Verschleuderung sondergleichen.

 

Wer unbequeme Fragen stellt, wird schnell in die Verschwörungstheoretiker-Schublade gesteckt. Wie treten Sie dem gegenüber?

Die Frage steht im Raum, ob der seit 14 Jahren andauernde sogenannte Krieg gegen den Terror in Tat und Wahrheit ein Kampf um erdöl, Erdgas und Macht ist. Denn er reduziert den Terror nicht, im Gegenteil. Nicht nur der Irakkrieg 2003, sondern auch der Libyenkrieg 2011, die Terroranschläge vom 11. September 2001 und der laufende Syrienkrieg sind mit Lügen durchsetzt. Als Historiker untersuche ich die Kriegspropaganda und verteidige die wissenschaftliche Sicht, auch wenn ich dafür angefeindet werde. Das Problem ist, dass der Begriff «Verschwörungstheoretiker» heute dazu dient, Menschen, die Lügen aufdecken und alternative Analysen vorlegen, mit Spinnern gleichzusetzen. Das ist psychologische Kriegsführung an der Heimatfront, und da stecken wir mittendrin. Die gute Nachricht ist: Immer mehr Menschen erkennen, dass der sogenannte Krieg gegen den Terror mit Lügen durchsetzt ist.

 

Sogar Wikipedia ist in Bezug auf Ihre Person deutlich von ihrem Objektivitätskurs abgewichen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Ja, ich werde auch auf Wikipedia angegriffen. Viele Leute können nicht verstehen, dass Wikipedia nicht alles objektiv darstellt, sondern in der Geostrategie leider sehr einseitig die Sichtweise des Weissen Hauses vertritt. Doch wenn der Wiki-Eintrag über mich zum Ziel gehabt hat, dass ich keine Vorträge mehr halten kann, hat diese Strategie nicht funktioniert. Ich bekomme heute so viele Einladungen wie nie zuvor.

 

Worum geht es Ihnen wirklich bei Ihren Forschungen?

Ich will die Leute zum Nachdenken bringen. Darüber, dass der ganze Krieg gegen den Terrorismus eine Täuschung sein könnte. Immerhin sind gigantische Summen im Spiel. Und über die verbreiteten Geschichten steuert man die Geldflüsse. Die geostrategische Analyse zeigt deutlich, dass es bei den militärischen Anti-Terror-Einsätzen der USA in Wahrheit um Erdöl und Erdgas geht. Das Pentagon verfügt über ein «Verteidigungsbudget» von jährlich 600 Milliarden Dollar. Das sind fast zwei Milliarden pro Tag. Würde dieses Geld in die Energiewende gesteckt, dann wäre sie heute bereits Realität.

 

Wird die Welt friedlicher, je deutlicher die Nationen sich von fossilen Energieträgern abwenden?

Der Ansatz, dass man lernen muss, Konflikte friedlich zu lösen und in eine nachhaltige Entwicklung zu gehen, ist durchaus mehrheitsfähig. Die Energiewende, die Bundesrätin Doris Leuthard verfolgt und die ich richtig und wichtig finde, birgt für mich noch eine weitere Dimension, die über den Klimawandel und das Abschalten von fünf Kernkraftwerken hinausgeht: Sie stellt einen substanziellen Beitrag zur Stabilität und Sicherheit dar.

 

Lässt sich Energie durch dezentrale, kleine Produktionseinheiten demokratisieren?

Die Schweiz muss viel mehr Strom produzieren – und im Gegenzug Öl, Gas und Atomenergie abstellen. Dann haben wir eine interessante Position in der internationalen Energielandschaft. In der dezentralen erneuerbaren Produktion sehe ich einen revolutionären Ansatz: Die Macht konzentriert sich dann nicht mehr an einem Ort, sondern verteilt sich auf viele «Prosumer», die gleichzeitig produzieren und konsumieren. Die Energiewende ist viel weniger utopisch, als die meisten annehmen, sie liegt förmlich in der Luft. Und die Energieversorgungsunternehmen spielen bei der Energiewende eine Schlüsselrolle, denn wir brauchen das Netz, um Lasten und Überschüsse zu verschieben.

 

«Raus aus den fossilen Energien, weg mit der Kernkraft», lautet Ihre Devise. Wie ist dieser Prozess zu meistern?

Das Entscheidende ist, dass die Leute die Energiewende als Chance sehen. Dass alle Hausbesitzer begreifen, dass sie ihre eigene Energie produzieren können. Auch wer kein Haus besitzt, kann sich zumindest über den Bezug seines Strommix für die Energiewende engagieren und auf erneuerbare Energien setzen. Jeder kann etwas tun. Egal ob Gebäudetechnik oder Mobilität – die Leute sollten sich fragen: Geht das nicht auch ohne Öl, Gas und Atom? Wenn immer mehr Menschen lustvoll in diese Richtung gehen, beschleunigt sich die Entwicklung markant.

 

Alle Kernkraftwerke können wir nicht auf einen Schlag abschalten.

Nein, das ginge nicht. Der Anteil der Erneuerbaren liegt im Moment bei 20 Prozent am Schweizer Energiemix, beim Strom sogar bei 60 Prozent. Der Ausstieg muss also schrittweise, gestaffelt und geschickt erfolgen, damit er funktioniert. Wir brauchen ein System mit Redundanz. Dieses liesse sich technisch bereits heute realisieren, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Aber natürlich sind die Mittel begrenzt. Deshalb muss man überlegen: Wie bringt man die verschiedenen Anspruchsgruppen dazu, Investitionen zu tätigen? Das sind alles Einzelentscheide, die in der Summe eine grosse Wirkung erzielen werden.

 

Wie wirksam sind «regionale Energiewenden», wie sie Deutschland und die Schweiz planen, hinsichtlich des Klimaproblems, das nur global gelöst werden kann?

Für mich sind sie sehr wichtig, denn es muss alles über Beispiele laufen. Wir müssen vorleben, dass die dezentrale, erneuerbare Energieversorgung nicht einfach von ein paar Uni-Professoren ausgeheckt wurde, sondern von echten Menschen im Alltag umgesetzt wird. Es ist heute möglich, im Winter auf total erneuerbarer Basis 20 Grad im Haus zu haben und 20’000 Kilometer pro Jahr zu fahren.

 

Das ist aber noch kostspielig.

Es ist im Moment schon noch etwas teurer, das muss man ehrlich sagen. Ein Hausbesitzer muss vielleicht einen sechsstelligen Betrag investieren. Betrachtet man aber die Gesamtkosten für ein Haus, dann macht der Energieteil höchstens 20 Prozent aus. Ich habe meine Gasheizung entfernt und durch eine Erdsondenwärmepumpe ersetzt. Auf dem Dach produziere ich Strom und warmes Wasser. In meiner Garage steht ein Elektroauto. Mein Energiesystem bereitet mir täglich Freude, und das Angebot wird immer besser. In zehn Jahren wird es garantiert billigere und viel effizientere Solarzellen geben und vor allem bessere Stromspeicher. Ich warte aber nicht wie viele Bekannte, die sagen: «Ich will nur das Günstigste und Beste.» Da antworte ich jeweils: «Dann wirst du das gar nie erleben.»

 

Dr. phil. Daniele Ganser (43) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel und untersucht als Energieexperte den globalen Kampf ums Erdöl und das Potenzial der erneuerbaren Energien.