Lars Thomsen erforscht die Zukunft

Zukunftsforscher Lars Thomsen weiss, was es braucht, um die technologischen Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Vierteljährlich ein kompetentes Energiegespräch: Das vollständige Interview ist nachzulesen im «smart-Verbund» – dem meistgelesenen Kundenmagazin der Schweizer Energieversorger. Gerne schicken wir Ihnen ein pdf oder eine gedruckte Ausgabe zu: hello@red-act.ch

 

Lars Thomsen, was hilft Ihnen, den Blick zu schärfen, wenn Sie in die Zukunft schauen?

Ich kultiviere meine kindliche Neugier. Alles, was ich nicht kenne, finde ich zunächst einmal spannend. Bei «future matters» studieren wir jährlich eine fünfstellige Zahl an Quellen – Patentschriften, Kongressberichte, Fachmedien – und werten diese aus. Andererseits lassen wir uns von Forschungsinstitutionen und zukunftsorientierten Firmen deren Arbeit erklären. So bekommen wir einen recht guten Überblick darüber, was in Zukunft möglich ist.

 

Ihre Brille scheint mitunter rosa gefärbte Gläser zu haben. Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Alle diejenigen, die Zukunft aktiv gestalten wollen, sagen in der Regel nicht: «Oh Gott, hoffentlich kommt das alles nicht so schnell! Wie können wir das bloss verhindern?» Sie sagen vielmehr: «Hoffentlich kommt die Zukunft noch ein bisschen schneller.» Alle Gespräche und Recherchen lassen für mich den Schluss zu, dass Zukunft nicht eine Bedrohung, sondern einen Raum der Möglichkeiten darstellt. Sonst könnte man Zukunftsforschung wohl gar nicht betreiben.

 

Sie sagen das Ende der Dummheit voraus, dank digitaler Vernetzung. Wissen ist dann zwar verfügbar – ob es aber auch erworben und angewendet wird, steht auf einem anderen Blatt.

Das ist zwar richtig, doch ein Plus an Transparenz und Information steigert die Chancen, dass die Menschheit insgesamt vorankommt. Das geschieht oft schubweise. Einzelne Erfindungen wie das Rad, der Buchdruck und das Internet hatten unmittelbare, tiefgreifende Auswirkungen auf unser Leben, unsere Arbeit und die Gesellschaft. Die Vernetzung, die wir jetzt erleben, birgt ein enormes Potenzial – mit vielen positiven und einigen negativen Aspekten.

 

Der Mensch hinterlässt heute mit praktisch jeder Handlung digitale Spuren. Leuchten da nicht überall die roten Datenschutz-Lampen?

Ja, aber das wird kein Showstopper sein. Die Frage ist: Wollen und brauchen wir intelligente Systeme, die uns das Leben erleichtern und nachhaltige Ressourcenverwendung möglich machen, oder sperren wir uns dagegen, weil wir Angst vor Datenmissbrauch haben. Ich bin der Meinung, wir müssen und können beides schaffen: die Welt um uns herum intelligenter zu gestalten, aber auch Persönlichkeitsrechte zu wahren.

 

Mit der Energiestrategie 2050 hat sich die Schweiz eine Herkulesaufgabe gestellt. Wie beurteilen Sie deren Machbarkeit?

Ich finde es unglaublich mutig, Vorgaben über eine so lange Zeit zu machen. Ich selbst würde mich nicht trauen, mehr als zehn Jahre nach vorne zu blicken. Vor 520 Wochen hätte kaum jemand voraussagen können, wie wir heute mit Kommunikation, Mobilität oder künstlicher Intelligenz umgehen. Gemessen an der Dynamik der technischen Entwicklung sind die Energieziele für 2050 sehr konservativ.

 

Was stört Sie daran, eine Strategie für die fernere Energiezukunft heute aufzugleisen?

Gegenfrage: Wo bleibt der Handlungsdruck, wenn man noch 35 Jahre Zeit hat? Starten wir jetzt oder warten wir noch ein paar Jahre? Problematisch an der Energiestrategie 2050 ist für mich zum Beispiel, dass ihre Urheber dann gar nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Und wer nur linear in die Zukunft schaut, hat die grossen technischen Umwälzungen nicht im Blick, die immer wieder die Welt grundlegend verändern und die Märkte revolutionieren. Nehmen Sie als Beispiel die mobile Kommunikation. Was alleine in der kommenden Dekade auf uns zukommt, wird die Energieszene stärker durcheinanderschütteln, als es sich die meisten vorstellen können.

 

Können Sie etwas konkreter werden?

Beim Erzeugen von Energie wird es eine extreme Dezentralisierung geben. Strom dort zu generieren, wo er gebraucht wird, wird oftmals bald wirtschaftlicher sein, als Grosskraftwerke samt ihren Übertragungsnetzen zu betreiben. Auch quasi-autarke Systeme mit Sonnenstrom vom Dach für Wärmepumpe, Klimaanlage, LED-Beleuchtung und das E-Auto, das in der Garage steht, werden sich in Verbindung mit entsprechender Speichertechnik weltweit in den kommenden 300 Wochen sogar ganz ohne Subventionen durchsetzen. Ganz einfach, weil sie die günstigste Form der Erzeugung darstellen.

 

Fakt ist, dass die Welt immer noch am Öltropf hängt.

Ja, aber der Umstieg ist zwingend. Schliesslich ist mehr als die Hälfte der fossilen Ressourcen während einem einzigen Prozent der menschlichen Zivilisationsgeschichte verbraucht worden. Fossile Energien können aber zukünftig auch preislich nicht mehr konkurrieren. Ein Beispiel: Wer über Sonnenenergie spricht, hat immer noch hohe Kosten im Kopf. Dabei installieren selbst erzkonservative Öl-Menschen in Texas, die Fracking für eine tolle Sache halten, bereits Solaranlagen auf ihr Dach. Weil es einfach billiger ist, die Klimaanlage mit eigenem Solarstrom zu betreiben, als den Strom vom E-Werk einzukaufen.

 

Sonnenenergie zu Discountpreisen?

Noch in diesem Jahrzehnt wird es auch in der Schweiz soweit sein: Solaranlagen rechnen sich sogar ohne KEV für Unternehmen wie für Privatpersonen. Für Energieversorger wird es sich kaum noch lohnen, fossile Kapazitäten aufzubauen.

 

Foto: Markus Lamprecht.

Foto: Markus Lamprecht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wann werden unsere Stromnetze wirklich smart?

Die zentrale Frage dazu lautet: Wie sehen die Geschäftsmodelle und Lösungen rund um smarte Energie aus? Leider dümpeln die Diskussionen in der Schweiz über die Machbarkeit von Smart Grids auf einem Niveau, das dem Mainstream der Vordenker fünf Jahre hinterherhinkt. Wenn ich mir Stromnetze in Kalifornien, in Tokio, in Südkorea oder in China anschaue, dann sind diese dort bereits smart – mit riesigen Effizienzgewinnen und ganz neuen Geschäftsmodellen.

 

Droht die Schweiz hier den Anschluss zu verlieren?

Die Schweiz ist grundsätzlich mit ihrer Hightech- und Cleantech-Reputation hervorragend positioniert. Wir reden hier von einem Milliarden- oder sogar Billionen-Markt, der sich jetzt eröffnet. Die Energiewirtschaft bewegt sich von der fossil geprägten Ära hin zu einem regenerativen, intelligenten Energiezeitalter. Das kann ein enormer wirtschaftlicher Faktor auch für die Schweiz werden. Das sollten wir wirklich nicht nur den Leuten im Silicon Valley überlassen.

 

Die dringend benötigte Stromspeicherung ist noch unbefriedigend gelöst. Wo bleibt der Durchbruch?

Das hängt von der Energieanwendung ab. Batterien zum Beispiel erleben derzeit eine extrem dynamische Entwicklung. Alle vier Wochen werden sie je um ein Prozent billiger, energiedichter und langlebiger. Dabei haben wir noch gar nicht angefangen, grosse Mengen zu produzieren. Diese dezentralen und smarten Speichertechnologien werden sogar bald günstiger als Pumpspeicherwerke sein. Interessant werden künftig grosstechnische saisonale Wärme-Kälte-Speichertechnologien, aber auch Power to Gas. Hier wird Windstrom zu Gas umgewandelt, wobei die bestehende Infrastruktur der Erdgasnetze genutzt werden kann. Alle Energiespeichertechnologien werden in den kommenden Jahren ein weltweiter Boom-Markt.

 

Die Elektromobilität hat sich auf der Strasse noch nicht durchgesetzt. Woran liegt’s?

Der Durchbruch der Elektromobilität steht tatsächlich noch bevor. Denn wir haben immer noch relativ wenige Hersteller, die vernünftige Fahrzeuge anbieten. Aber so langsam kommen Produkte auf den Markt, die nicht nur ökologisch Sinn machen, sondern Verbrennerfahrzeuge richtig alt aussehen lassen.

 

Welche weiteren Hürden gilt es zu überwinden?

Wir haben über Jahrzehnte gelernt: Man füllt Benzin in ein Auto, dann fährt es. Für viele Leute scheint es ein riesiger mentaler Schritt zu sein, ihr Auto an eine Steckdose anzuschliessen, obwohl sie das mit ihrem Smartphone auch täglich tun. Und die Reichweitenangst auf Langstrecken kann natürlich nur mit einer besseren Ladeinfrastruktur bekämpft werden. Aber auch da hilft uns die smarte Vernetzung weiter, denn die Autos werden sehr bald selbständig und rechtzeitig geeignete Ladepunkte vorschlagen.

 

Welche Rolle kommt den Stromanbietern bei der Elektromobilität zu?

Ich frage mich, woher diesbezüglich die Vorbehalte der Energieversorger stammen. Bevor ich meinen Tesla in die Garage stellte, hatte ich einen Jahresstromverbrauch von etwa 4000 KWh, danach erhöhte sich dieser schlagartig auf über 10’000 KWh. Ich trage jetzt also das Geld, das vorher meine örtliche Tankstelle bekam, zu meinem Gemeindewerk. Im Prinzip kann ein Energieversorger gar nichts gegen Elektromobilität haben. Das E-Auto wird ja zum singulär grössten Stromverbraucher im Haushalt. Und wenn der Energieversorger lediglich die Ladung der Batterie bis zum nächsten Morgen garantieren muss, kann er die Stromlasten dazwischen nach Belieben verteilen. Andererseits sind wir bei den öffentlichen Ladestationen noch in einem sehr frühen Stadium. Eine Ladesäule heute schon profitabel zu betreiben, ist tatsächlich fast nicht möglich.

 

Die Elektronik- und Automobilindustrie verschmelzen immer mehr. Welcher Typ von Unternehmen wird das Rennen machen?

So, wie wir ein Auto begreifen, sind wir immer noch sehr stark von den Anfängen des Automobilbaus geprägt. Als ob wir freie Strassen und jede Menge unbesetzte Parkplätze in der Stadt hätten. Als ob wir den Motor problemlos im Stand laufen lassen könnten. Die Realität der Mobilität in urbanen Strukturen sieht heute ganz anders aus. Es ist definitiv keine zukunftstaugliche Lösung, einen Porsche Cayenne Turbo mit 8 Zylindern und über 500 PS bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8 km/h quer durch Zürich oder Shanghai zu lenken. Doch mit dem Einzug selbst fahrender Autos in den kommenden zehn Jahren ändern sich auch die Spielregeln: Schon bald wird es selbstverständlich sein, sich auf Knopfdruck von einem autonomen Fahrzeug abholen und zum Ziel fahren zu lassen. Um einen Parkplatz muss man sich dann auch nicht mehr kümmern. Und wahrscheinlich werden diese Fahrzeuge, von denen ich da spreche, eher von Apple oder Google produziert werden als von den klassischen Herstellern.

 

Mobilität auf Abruf – ein anhaltender Trend?

Es gibt immer mehr Leute, die Besitz zunehmend als Belastung empfinden. Das sind die Vertreter jener Generation, die Jeremy Rifkin, einer der bekanntesten Zukunftsforscher, «The Age of Access», also das Zeitalter des Zugangs, genannt hat. Um früher Zugang zu Wissen zu bekommen, mussten Sie sich eine Brockhaus-Enzyklopädie ins Regal stellen. Heute brauchen Sie letztendlich nur ein iPad, Google und Wikipedia. Etwas Vergleichbares vollzieht sich jetzt mit der Mobilität. Soziale Netzwerke sind dabei die Treiber. Fahrgemeinschaften bilden sich. Zugang und Transparenz machen den Besitz von Dingen immer unwichtiger.

 

Lässt sich das Modell auf die Energieversorgung übertragen?

Der Energieversorger wandelt sich zum Energiedienstleister, der in den Häusern seiner Kunden für Wärme, Komfort und Sicherheit sorgt, das Auto lädt sowie die Speicher- und Solaranlage managt. Das erfordert innovatives Denken und aktiven Gestaltungswillen auf Seiten der EVU. An die Smart Homes der Zukunft werden wir uns sehr schnell gewöhnen und uns fragen: Wie konnten wir bloss früher ohne sie auskommen?

 

Der kreative und provokante Vor- und Querdenker Lars Thomsen zählt mit seinem Unternehmen «future matters» zu den prominentesten Trend- und Zukunftsforschern Europas. Thomsen wurde 1968 in Hamburg geboren, studierte in Saarbrücken Informationswissenschaften, Betriebswirtschaft und Politik.