Freiwillig ins Gefängnis

Die Kinder der Nachbarn hüten, Naturschutzgebiete pflegen – oder ein Besuch im Gefängnis: Freiwillige engagieren sich in vielen Gebieten und leisten unbezahlte Dienste an der Gesellschaft. Wir haben einige getroffen und sie zu ihrer Tätigkeit und Motivation befragt.

Der Beitrag ist im «smart-Verbund» 01/19 unter dem Titel «Freiwillig ins Gefängnis» erschienen. Konzeption, Redaktion und Gestaltung: RedAct Kommunikation AG. Text: Isabelle Frühwirt, Fotos: Markus Lamprecht.

 
Eine massive Mauer aus grauem Beton, Kameras und Poller im Eingangsbereich – einladend sieht die Justizvollzugsanstalt Pöschwies im Kanton Zürich nicht aus. Doch Fabian will trotzdem rein. Wie immer wird er dem Gefängnispersonal seinen Ausweis zeigen, sich durchleuchten lassen, im Besucherraum Platz nehmen und warten. Dann wird Denis* reinkommen, sich dazu setzen. Vielleicht werden sie über den zweiten Weltkrieg sprechen, beide interessieren sich sehr für Geschichte. Später wird sich Fabian an einen Aspekt des Gesprächs erinnern, recherchieren und Denis einen spannenden Link schicken.

 

Drinnen und draussen

Denis wurde für einen bewaffneten Raubüberfall verurteilt und verbüsst seine Haftstrafe in Pöschwies. Fabian ist Inhaber eines Ingenieurbüros, Familienvater – und Freiwilliger im team72. Der Verein engagiert sich in der Bewährungshilfe und für eine verbesserte Resozialisierung von Straffälligen. Dazu gehört auch die Begleitung beim Übergang vom Strafvollzug in die Freiheit. Die rund 60 Freiwilligen des team72 besuchen jährlich etwa 150 Insassen in Vollzugsanstalten und Untersuchungsgefängnissen. Während dieser Besuche tauschen sich die Freiwilligen und ihre Klienten über diverse Themen aus oder sprechen über sinnvolle Zeitgestaltung und Selbstmotivation.

 

Demut und Dankbarkeit

Fabian hat momentan zwei Klienten, die er regelmässig besucht. «Die Besuche machen mich demütig», sagt er. «Sie relativieren meine Probleme und rufen mir in Erinnerung, dankbar zu sein.» Er habe eine schöne Kindheit gehabt, sagt Fabian, sei von seinen Eltern unterstützt worden und habe sogar studieren können. «Vielen meiner bisherigen Klienten erging es nicht so.» Er erzählt von seinem zweiten Klienten, einem Serben, der wegen eines Drogendelikts einige Monate absitzen muss. Danach wird er nach Serbien zurückkehren müssen – ohne genaue Zukunftsperspektive. «Ich versuche mit ihm herauszufinden, welche Möglichkeiten es trotzdem gibt, beispielsweise die Arbeit in der Landwirtschaft wieder aufnehmen», sagt Fabian.
 

In Gruppencoachings tauschen sich die Freiwilligen regelmässig aus

Nähe und Distanz

«Die Probleme der Klienten nicht zu nah an sich heranzulassen, ist ein ständiges Thema», sagt Sonja Maurer, Koordinatorin der Freiwilligenstelle des team72 und Sozialarbeiterin. «In den Ausbildungen der Freiwilligen sprechen wir denn auch über die Grenzen ihres Engagements.» Diese hat auch Fabian schon zu spüren bekommen: «Ein Klient wollte mich auf manipulative Weise dazu bringen, bestimmte Dinge für ihn zu erledigen. Als ich mich geweigert habe, fing er an, im Besucherraum rumzuschreien.» Nach diesem Schock habe er Sonja Maurer angerufen und mit ihr über den Vorfall gesprochen. «Das hat mir sehr geholfen», sagt Fabian.

 

Rückhalt finden die Freiwilligen auch in den Gruppencoachings, die alle paar Wochen stattfinden. Sonja Maurer und die Freiwilligen besprechen dann in der Gruppe allfällige Herausforderungen oder tauschen Erfahrungen aus. Diese Gespräche – wie auch die Gespräche zwischen den Klienten und den Freiwilligen – bleiben vertraulich.

 

Geben und nehmen

«Ich mag Menschen und Lebensgeschichten», nennt Gisela, eine weitere Freiwillige im team72, als Grund für ihr freiwilliges Engagement. Zudem ist Nächstenliebe ein wichtiger Grundpfeiler im Leben der gläubigen Christin. «Viele der Klienten haben sonst niemanden, der sie besucht», sagt sie. Obwohl sie weiss, welche Delikte ihre Klienten begangen haben, kann sie dieses Wissen auf die Seite schieben und ohne mulmiges Gefühl auf sie treffen. Dabei sei jeder Besuch unterschiedlich: Manchmal spielen sie Memory – «ich habe bisher immer verloren» –, manchmal schweigen sie sich an und manchmal sprechen sie über die Nachrichten.  «Ich investiere Zeit in diese Besuche, erhalte aber dafür Einblicke in andere Lebenswelten und lerne auch viel über mich selber», sagt Gisela. Sie engagiert sich bereits seit sechs Jahren für das team72. Es werden wohl noch einige weitere folgen – vielleicht macht sie es auch lebenslänglich.

 

*Name geändert