Das Interview – Werkzeug der Meisterklasse: Teil 1

Hommage an die verkannte Königsdisziplin des Journalismus – mit ein paar bemerkenswerten Beispielen.

Laut Erkenntnissen der Journalismus-Forschung mögen Leser keine Interviews, weil sie schwierig zu lesen seien. Manche Journalisten glauben, man könne damit ohne viel Aufwand die Spalten füllen. Schliesslich müsse man nur ein paar Fragen stellen und die Antworten aufschreiben. Beide Urteile sind natürlich Unsinn. In Wirklichkeit ist das Interview eine sehr anspruchsvolle Form. «Die Königsdisziplin des Journalismus, ein Werkzeug für die Meister ihres Metiers», sagt beispielsweise Jörg Harlan Rohleder, einer der beiden Executive Editors der Zeitschrift «Interview».

In den Qualitätsblättern deutscher Sprache galt er als Jäger des verlorenen Sinns: der 2011 verstorbene Autor und Journalist André Müller, der als Meister des literarischen Verhörs galt. «Ich verlange mir in einem Interview alles ab», sagte er einmal. Mit seiner direkten Art, nach den intimsten Dingen zu fragen, zumeist nach Liebe und Tod, brachte Müller seine Gesprächspartner dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden.

 

Der Interviewer: Jäger des verborgenen Sinns

Die Schweizer Journalistin Ursula von Arx stellte Müller einmal die etwas naive Frage, ob seine Interviews wörtliche Protokolle der Gespräche seien. Worauf Müller prompt zurückgab:  «Aber nein. Ich mache ja Literatur. Ich stelle Zusammenhänge her, deren sich die Interviewpartner im Gespräch nicht bewusst sind, ich habe bestimmte rhythmische Vorstellungen, der Text muss eine Dramaturgie haben. Manche Aussagen muss ich anheben. Und mein Part muss Spannung und Kontroverse einbringen. Der gedruckte Text ist ein Kunsttext.»

 

Kopfkino und Sprachbilder

 

Foto: dpa

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Sein Lebensmotto war: «Nicht erwachsen werden, ohne infantil zu bleiben.» Theodor W. Adorno hatte sich bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu einem scharfzüngigen Kritiker des deutschen Kulturbetriebs und der deutschen Denkungsart entwickelt. Ein ultrakurzer Interview-Beginn wenige Wochen vor seinem Tod im Jahr 1969.

 

SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …

THEODOR W. ADORNO: Mir nicht.

 

 

 

 

 

 

Einen ganz eigenen Status in der deutschen Musikszene hat sich Udo Lindenberg erarbeitet, der zu den produktivsten Urvätern des deutschen Rock zählt. Hier eine Interview-Schlussfrage von André Müller in einem frühen Interview für den «Playboy».

Udo Lindenberg (Bild: Raimond Spekking, Lizenz: CC-BY-SA 4.0)

Bild: Raimond Spekking, Lizenz: CC-BY-SA 4.0

PLAYBOY: Können Sie sich erklären, warum Sie so häufig für ungewaschen gehalten werden?

UDO LINDENBERG: Das ist die schmutzige Phantasie mancher Leute. Die haben auch geschrieben, ich zertrümmere Klaviere und schmeisse mit Hähnchenknochen. Ich bin immer lupenrein supersauber, höchstens mal an der Jacke ’n Schnapsfleck.

 

 

 

 

Cliffhanger: Wie Harald Schmidt bei seinen Late-Night-Show-Zuschauern bleibende Eindrücke von seinen Gästen produzierte, kommt im zweiten Teil zur Sprache. Seine Gäste: Helmut Berger und Falco.