Das Interview – Werkzeug der Meisterklasse: Teil 5

Hommage an die verkannte Königsdisziplin des Journalismus – mit ein paar bemerkenswerten Beispielen. 

Quelle: Ringier

Quelle: Ringier

Der bis heute denkwürdigste Einstieg in ein Interview mit Ringier-Publizist Frank A. Meyer ist bereits 1980 ausgerechnet im hauseigenen Mitarbeiter-Magazin «Domo» erschienen. Es wurde vom begnadeten «SonntagsBlick»-Interviewer Robert Naef geführt.

 

 

 

 

 

 

ROBERT NAEF: Aussagen können wahr oder falsch sein. Gibt es eine wahre Aussage, die Sie verletzt?

FRANK A. MEYER (überlegt lange und sagt dann, das sei eine Frage, die ihm noch nie jemand gestellt habe): Eine sehr gute Frage! Aber es kommt mir keine Antwort in den Sinn.

 

ROBERT NAEF: Ich versuch’s mal für Sie. Gesucht ist eine wahre Aussage. Nehmen wir die: Frank A. Meyer ist eitel. Verletzt Sie das?

FRANK A. MEYER: Nein.

ROBERT NAEF: Und warum nicht?

FRANK A. MEYER: Weil es stimmt.

ROBERT NAEF: Gibt es das, eine falsche Aussage, die Sie gerne hören?

FRANK A. MEYER (überlegt, schüttelt den Kopf, steht auf, schliesst die Türe und sagt): Sie bringen mich in Verlegenheit…. Ja, es gibt eine.

ROBERT NAEF: Und?

FRANK A. MEYER: Wenn eine Frau sagen würde, ich sei hübsch. Das wäre natürlich falsch, aber hören würde ich es gerne.

 

Papst Franziskus (Bild: Jeon Han, Lizenz: CC-BY 2.0)

Bild: Jeon Han. CC-BY 2.0

Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug eines Interviews zwischen dem atheistischen Intellektuellen Eugenio Scalfari und Papst Franziskus. Der fast 90-jährige Scalfari war einer persönlichen Einladung des Papstes gefolgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EUGENIO SCALFARI: Heiligkeit, existiert eine Sicht des einzig Guten? Und wer legt diese fest?

PAPST FRANZISKUS: Jeder von uns hat eine eigene Sicht des Guten und auch des Bösen. Wir müssen den Mitmenschen dazu anregen, sich auf das zuzubewegen, was er für das Gute hält.

EUGENIO SCALFARI: Das Gewissen sei autonom, haben Sie gesagt, jeder muss seinem eigenen Gewissen gehorchen. Ich glaube, das sind die mutigsten Aussprüche, die von einem Papst gemacht wurden.

PAPST FRANZISKUS: Und hier wiederhole ich sie. Jeder hat eine eigene Vorstellung von Gut und Böse und muss wählen, dem Guten zu folgen und das Böse zu bekämpfen, so wie er sie wahrnimmt. Das würde schon genügen, um die Welt zu verbessern.

EUGENIO SCALFARI: Die Kirche tut das?

PAPST FRANZISKUS: Ja, unsere Missionen haben diesen Zweck: die materiellen und geistigen und immateriellen Bedürfnisse der Menschen ausfindig zu machen und diese, so gut wir können, zu stillen.

EUGENIO SCALFARI: Heiligkeit, welches sind die Heiligen, die Ihrer Seele am engsten verwandt sind?

PAPST FRANZISKUS: Sie fragen mich nach einer Rangliste, aber Ranglisten kann man nur im Sport oder Vergleichbarem aufstellen. Ich könnte Ihnen die Namen der besten Fussballspieler Argentiniens nennen. Aber die Heiligen …

EUGENIO SCALFARI: Man sagt: Über ernste Dinge scherzt man nicht. Kennen Sie das Sprichwort?

PAPST FRANZISKUS: Durchaus. Dennoch will ich Ihrer Frage nicht ausweichen, weil Sie mich auch nicht nach einer Rangliste der Heiligen in kultureller und religiöser Hinsicht gefragt haben, sondern nach dem, der mir am ehesten seelenverwandt ist. Also antworte ich Ihnen: Augustinus und Franziskus.