Das Interview – Werkzeug der Meisterklasse: Teil 6

Hommage an die verkannte Königsdisziplin des Journalismus – mit ein paar bemerkenswerten Beispielen.

Wenn die ehemalige französische Film-Ikone Alain Delon schon immer etwas gehasst hat, dann sind es Journalisten. Deren Fragen fasste er stets als Frontalangriffe auf seine Intimsphäre auf. Bei Interviews konnte Delon im Handumdrehen aggressiv werden und mit seiner kühlen Perfektion, Zigarette im Mundwinkel und arrogantem Blick das Gegenüber ins Stammeln bringen. Berichte über sein abenteuerliches Leben kanzelte er im Nachgang meistens als frei erfunden ab.

 

Kein Hinderungsgrund für das Männermagazin «Playboy», den Mann für die Dezemberausgabe 1982 direkt anzugehen. Und kein verbaler Gegenspieler schien der Chefredaktion besser geeignet, Delon standzuhalten, als Georg Stefan Troller. Dessen damaliger Hauptberuf: Pariser Sonderkorrespondent des ZDF. Das Gespräch entwickelte sich zu einem harten, aber fairen Schlagabtausch – Mann gegen Mann, auch wenn es eher harzig losging:

 

GEORG STEFAN TROLLER: Alain, meine erste Frage …

ALAIN DELON: Monsieur Delon, bitte.

TROLLER: Pardon?

DELON: Ich weiss nicht, wer Sie sind. Ich kenne Ihren Namen nicht. Warum glauben Sie, dass Sie mich bei meinem Vornamen anreden können? Nur, weil ich ein Schauspieler bin…?

 

Delon–Troller 1:0. Doch rasch fing sich der gewiefte Reporter und lief zur gewohnten Form auf. Das Interview erstreckt sich über sechs eng bedruckte Magazin-Seiten, Bilder nicht mitgezählt. Dass Delon nach einer Reihe von Aggressionsschüben und Zurückweisungen selbst in Bedrängnis kam und anschliessend versöhnlichere Töne anschlug, zeigt die Schlusspassage des Interviews exemplarisch:

 

DELON: Erlauben Sie: Seit wann sind Sie eigentlich Journalist? Sind Sie überhaupt Journalist? Weil ich nämlich langsam den Eindruck habe, bei einem Psychiater zu sitzen.

TROLLER: Das ist manchmal so gegen Ende eines Gesprächs. Darauf spitzt sich das zu.

DELON: Ich habe aber überhaupt keine Lust, diese Art … diese Art von Konversation noch weiter zu bestreiten. Verstehen Sie? Sie kommen zu mir wie … wie ein Haar in die Suppe. Das kann nur schlecht enden.

TROLLER: Das ist das Spiel des Interviews, nicht wahr.

DELON: Aber ich spiele nicht, Monsieur Troller. Ich spiele nie! Und ich gehe nie zum Arzt! Bei mir tritt niemand ein, ohne dass ich es wünsche, ohne dass ich ihm die Tür aufmache. Niemand! Und Sie glauben, ich werde Sie bei mir eintreten lassen? Was Sie da machen, ist … das ist ja eine Vergewaltigung! Und Sie lassen dieses Tonbandgerät noch weiterlaufen, und das wird erscheinen weiss Gott wo! Nicht mit mir!

TROLLER: Ich habe nur versucht, etwas zu finden, das Sie interessiert.

DELON: Aber mich interessieren tausend Dinge, und es wird mir eine grosse Freude bereiten, Sie bei mir zu empfangen ohne Ihr Mikrofon, ohne Ihr Bandgerät und ohne Ihren «Playboy»! Wann Sie wollen. Ist das klar?

 

Und jetzt machen wir Schluss. Ich rede von nichts mehr. Nicht über Frauen, nicht über meinen Sohn, nicht über mein Leben. Ich gebe mich nicht preis. Ich habe ohnehin schon zu viel gesagt… Verstehen Sie jetzt, was das ist, eine zyklische Persönlichkeit?

 

TROLLER: Ich verstehe.

DELON: Ich lebe hier seit drei Monaten eingesperrt wie in einem Schwitzbad. Sie holen mich heraus, Sie setzen mich an den Rand des Bassins und sagen: Hopp, erzähle dein Leben. Lassen Sie mich in meinem Bad, bis ich fertig bin. Nachher werden wir weitersehen.

TROLLER: Nehmen Sie immerhin noch eine Zigarre.

DELON: Nein danke. Ich brauche jetzt einen Kaffee, und ich hole auch einen für Sie.

TROLLER: Danke.

 

 

Foto: Clemens Pfeiffer, Lizenz: CC-BY 2.5

Ohne Lebenserfahrung kein Hintersinn: Star-Interviewer Georg Stefan Troller. Foto: Clemens Pfeiffer, Lizenz: CC-BY 2.5

Alain Delon begleitet Georg Stefan Troller bis zum Ausgang des Filmstudios.

 

DELON: Warum machen Sie eigentlich diese Dinge?

TROLLER: Warum? Weil ich nicht fünf Millionen Franc verdiene wie Sie.

DELON: Sie haben Recht, und ich bin ein Unmensch. Verzeihen Sie mir. Und auf Wiedersehen, ja?

 

Das berufliche Credo des Georg Stefan Troller lautete: Die hohe Kunst des Interviews besteht darin, immer genau zu wissen, wie weit man zu weit gehen kann. Er hat diese Technik jahrzehntelang perfektioniert und ist so zu einer Reporter-Legende geworden.

 

26 Jahre nach der Begegnung mit Delon gewährte Troller einem jungen Kollegen Einblick in die Tiefen seiner Seele: «Auch der gewiefteste Fragesteller kann bei seinem Gegenüber nur das herausholen, was er in sich selbst vorgebildet findet. Anderes bleibt ihm verschlossen. Und hat er noch nie über politische Allmacht, mystische Weisheit, bewusstseinsverändernde Drogen, sexuelle Ausschweifung oder lebensgefährdende Wagnisse intensiv nachgedacht, so sollte er lieber die Finger davon lassen.»

 

Es ist die Selbstbefragung, aus der die kreativen Schübe kommen. Stellt der Journalist sich selbst nicht mehr in Frage, stirbt auch seine Kreativität einen langsamen Tod.

 

«Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.»

Dieses überlieferte Zitat des altgriechischen Philosophen Sokrates hat Georg Stefan Troller auf denkwürdige Weise abgewandelt:

 

«Der, der geglaubt hat, etwas zu sein, war vielleicht mehr er selbst, als der, der sich erkennt als das, was er ist.»

Lesen Sie den Satz ein zweites Mal. Es könnte sich lohnen.

 

Link:
Ein visueller Einstieg ins Seelenleben des Georg Stefan Troller findet sich in einem Talk des deutschen TV-Journalisten Gero von Boehm. Hier der erste Teil einer Aufzeichnung von 3SAT.